Eddadichtung stellt selbst Götter als Suchende dar: Óðinn befragt Seherinnen, Tote und Wissenshüter. Zukunftswissen verhindert das angekündigte Verhängnis nicht unbedingt; oft macht es die Grenzen göttlicher Macht erst sichtbar.
Sagas erzählen von Träumen, Vorzeichen und reisenden Seherinnen. Solche Szenen strukturieren Erzählungen und bewerten Figuren. Sie können Vorstellungen ihrer Zeit bewahren, sind aber keine wortgetreuen Protokolle wikingerzeitlicher Sitzungen.
Schicksalsbegriffe wie urðr und die Nornir verbinden persönliches Leben mit größerer Ordnung. Die Quellen ergeben keine einzige philosophische Lehre, sondern Bilder von Gewordenem, Verpflichtung, Erbe und begrenztem Handlungsspielraum.
Für eine historisch verantwortete Rekonstruktion fehlen vollständige Orakelverfahren. Besonders das moderne Ziehen einzelner Runen mit festen Stichwortbedeutungen ist nicht als wikingerzeitliche Standardpraxis belegt.